© ANNETTE STIER – Fotografie / Annette Stier
Was ein Parkplatz über Zukunft verrät
Manchmal wartet Innovation nicht im Forschungslabor. Manchmal steht sie einfach in Bensheim herum – zwischen Autos.

von Annette Stier · · 5 Minuten Lesezeit
Manchmal wartet Innovation nicht im Forschungslabor. Manchmal steht sie einfach in Bensheim herum – zwischen Autos.
Ich gebe zu: Ein Mitarbeiterparkplatz wäre nicht der erste Ort, an dem ich nach Inspiration suchen würde.
Bis zu diesem Abend.
Beim AfterWork „Stifter & friends“ der Strahlemann-Stiftung bei der GGEW in Bensheim ging es um Menschen, Projekte, Netzwerke – und irgendwann um einen Parkplatz.
Genauer gesagt: um einen Parkplatz, der Strom produziert.
Und plötzlich wurde es richtig interessant.
Parkplatz? Kraftwerk!
Seit Anfang 2024 überspannen 792 Photovoltaikmodule den Mitarbeiterparkplatz der GGEW. Zusammen leisten sie 293 Kilowattpeak. Dazu kommen 16 Ladepunkte für Elektrofahrzeuge. Strom, der dort nicht benötigt wird, kann direkt nebenan im Basinus-Bad genutzt werden.
Das Beeindruckende daran?
Der Parkplatz war schon da.
Keine neue Fläche. Kein futuristischer Campus. Kein spektakulärer Neubau.
Eine bereits versiegelte Fläche bekommt einfach einen zweiten Job.
Parkplatz unten. Kraftwerk oben.
Eigentlich verblüffend logisch.
Und genau deshalb blieb mir dieser Teil der Führung besonders im Kopf.
Vielleicht suchen wir Innovation manchmal an der falschen Stelle
Bei Transformation denken wir gern groß.
Energiewende. Digitalisierung. KI. Mobilität. Fachkräftemangel. Resilienz.
Alles richtig.
Aber unter diesem Solardach wurde mir wieder bewusst: Innovation beginnt oft viel unspektakulärer.
Nicht unbedingt mit einer vollkommen neuen Erfindung.
Sondern mit einer besseren Frage:
Was haben wir eigentlich schon – und was könnten wir noch daraus machen?
Genau darin steckt für mich die spannendere Idee dieses Projekts.
Die GGEW bezeichnet den Solarparkplatz selbst als mögliche Blaupause für andere Unternehmen.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Photovoltaik.
Es geht um Denken.
Was liegt bei uns eigentlich noch ungenutzt herum?
Die Frage lässt sich nämlich hervorragend übertragen.
Welche Dachflächen könnten Energie erzeugen?
Welche Daten liegen in Unternehmen herum, ohne wirklich genutzt zu werden?
Welche Fähigkeiten haben Mitarbeiter, von denen niemand weiß?
Welche Prozesse laufen seit zehn Jahren unverändert, obwohl Technologie längst bessere Möglichkeiten bietet?
Und welche Unternehmen arbeiten vielleicht drei Straßen voneinander entfernt am gleichen Problem – ohne miteinander zu sprechen?
Ungenutztes Potenzial gibt es nicht nur auf Parkplätzen.
Das gilt genauso für Menschen, Wissen und Netzwerke.
Und damit passte der Abend plötzlich erstaunlich gut zusammen.
Vom Solarmodul zum Talent
Denn Gastgeber des Abends war nicht irgendeine Networking-Runde, sondern die Strahlemann-Stiftung.
Sie beschäftigt sich mit einer ganz anderen Ressource: den Fähigkeiten junger Menschen.
Mit Projekten wie der Talent Company bringt die Stiftung Berufsorientierung direkt in Schulen und schafft Kontakte zwischen Jugendlichen und Unternehmen.
Solarparkplatz und Berufsorientierung?
Zunächst eher eine ungewöhnliche Kombination.
Aber eigentlich steckt dieselbe Idee dahinter:
Potenzial erkennen, bevor es ungenutzt bleibt.
Hier eine versiegelte Fläche.
Dort ein junger Mensch, der vielleicht noch gar nicht weiß, welche Möglichkeiten in ihm stecken.
Und dazwischen Unternehmen, Institutionen und Menschen, die etwas miteinander verbinden können.
Das gefällt mir.
Vielleicht sind kurze Wege unser unterschätzter Standortvorteil
Wenn über Innovation gesprochen wird, fallen schnell große Namen.
Berlin. München. Silicon Valley.
Dabei besitzt eine Region wie die Bergstraße etwas, das schwer kopierbar ist:
kurze Wege.
Nicht nur geografisch.
Man kennt sich. Man trifft sich. Man kommt ins Gespräch.
An diesem Abend eben bei der GGEW, deren Vorstand Carsten Hoffmann zugleich stellvertretender Vorsitzender der Wirtschafts-Vereinigung Bensheim ist.
Wirtschaft, Energie, Bildung und gesellschaftliches Engagement sitzen hier nicht in vollkommen getrennten Welten.
Sie begegnen sich.
Natürlich entsteht aus Fingerfood noch keine Innovation.
Das wäre dann doch etwas zu einfach.
Aber manchmal entsteht dabei ein Gespräch. Aus dem Gespräch eine Verbindung. Aus einer Verbindung eine Idee.
Und irgendwo muss jede gute Idee anfangen.
Genau deshalb gehe ich gern hin
Mein Beruf bringt es mit sich, genau hinzusehen.
Normalerweise auf Menschen, Licht, Situationen und Details.
Aber mich interessiert immer stärker auch das, was hinter dem sichtbaren Bild passiert.
Warum macht ein Unternehmen etwas so?
Welche Technologie verändert gerade einen Markt?
Welche Idee lässt sich übertragen?
Was bedeutet das für unsere Region?
Ich möchte nicht Energieexpertin sein. Auch nicht Digitalisierungsexpertin für alles und jeden.
Aber ich möchte verstehen.
Zuhören. Fragen stellen. Verbindungen erkennen.
Denn Wirtschaft funktioniert längst nicht mehr in einzelnen Schubladen.
Energie beeinflusst Wettbewerbsfähigkeit. Digitalisierung verändert Arbeit. Bildung entscheidet über Fachkräfte. Netzwerke können Veränderungen beschleunigen.
Und genau deshalb sind solche Abende für mich spannend.
Vielleicht steht die nächste gute Idee schon vor uns
Mein stärkster Gedanke auf dem Heimweg war deshalb überraschend simpel:
Wir suchen Zukunft häufig irgendwo weit vorne.
Dabei lohnt sich manchmal ein Blick auf das, was längst da ist.
Unsere Flächen.
Unsere Unternehmen.
Unsere Talente.
Unser Wissen.
Unsere Kontakte.
Transformation muss nicht immer bedeuten, alles neu zu erfinden.
Manchmal reicht es, das Vorhandene neu zu sehen.
Und manchmal beginnt die nächste ziemlich gute Idee für Bensheim eben nicht auf der grünen Wiese.
Sondern auf einem Parkplatz.
Annette Stier ist Fotografin und Unternehmerin in Bensheim. Neben ihrer Arbeit interessiert sie sich für wirtschaftliche Transformation, Technologie und die Frage, wie Menschen, Unternehmen und Ideen in der Region besser zusammenfinden können.


